Dienstag, 11. Oktober 2011

1. Kapitel Teil 10 - Kampf

Syrills Gedanken wurden schlagartig wieder klarer. Er konnte sogar den Kopf wenden und sah dort den Hünen Marius stehen. Nur mit einer halblangen Hose bekleidet und einem schweren Hammer in der Hand, bot er einen imposanten Anblick.
Der Mann, in seinem dunklen Mantel, hatte sich die ganze Zeit zu Syrill hinuntergebeugt, erst jetzt, als er sich aufrichtete und Marius zuwandte, konnte dieser die leuchtenden Augen sehen.
„Was, bei den elf Höllen…?“ Weiter kam der halbnackte Mann nicht. Einem plötzlichen Angriff ausgesetzt, sprang er zur Seite und damit aus dem Wagen. Der Angreifer hatte blitzschnell seine Klinge gezogen und in einer einzigen, fließenden Bewegung nach Marius geschlagen.
Syrill, der nun frei war, sprang ebenfalls zurück und überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Er kam nur zu einem Schluss und rief erneut laut um Hilfe, während er sich hinter einem der Wagen versteckte.
Marius war völlig überrascht. Hatte er doch die Hilfeschreie zuvor für mehr geträumt, denn real gehalten und eigentlich nur der Vorsicht wegen nachgesehen. Schnell war er in eine Hose geschlüpft und nahm das erst Beste als Waffe, was ihm in die Hände fiel.
Nun stand er einem, scheinbar bestens gerüsteten Kämpfer, direkt vor seinem Wagen gegenüber, der einen Anblick bot, wie er ihn nie zuvor gesehen hatte.
Wieder schlug der dunkle Mann zu. Marius parierte mit seinem Hammer und verlor dabei beinahe einen Finger, als die Klinge den Stil dicht über seiner Hand traf. Der eigene Angriff ging ins Leere, da sein Gegenüber mühelos auswich. Marius erkannte sofort, dass er keine Chance haben würde. Sein Hammer war viel zu langsam und er war noch nie gut mit Waffen gewesen. Seine üblichen Kämpfe trug er mit roher Kraft und den bloßen Fäusten aus – so jedoch war er hoffnungslos unterlegen.
Ein schneller Angriff folgte. Wieder zu langsam mit dem Hammer, brandete diesmal Schmerz durch Marius linke Schulter. Einer Finte zum Opfer gefallen, hatte ihn die schlanke Klinge erwischt. Er spürte sein Blut hervorquellen. Der Angriff war so schnell, er hatte ihn nicht einmal kommen sehen. Erst als er das stechende Brennen fühlte, erkannt er seinen Fehler.
Auch sein Gegner schien sich seiner Überlegenheit nun gewiss. „Gib auf!“, zischte dieser zu Marius hinüber. „Du bist mir nicht gewachsen.“
In der Zwischenzeit waren noch mehr Lichter in den Wagen angegangen und die ersten Rufe wurden laut.
„Wenn du es nicht tust, werde ich nicht nur dich, sondern auch den kleinen Jungen töten. Langsam und schmerzhaft. – Den Jungen. Dich werde ich nur schnell aufspießen.“
Bei diesen Worten schienen die roten Augen noch heller zu strahlen, doch für Marius war das zuviel. Vor diesem Satz wollte er nur auf Zeit spielen, abwarten und hoffen, dass die anderen bald zu Hilfe eilten. Doch nun wollte er dieses bösartige Schwein, nur noch zur Strecke bringen.
Von einem lauten Schrei begleitet, warf er den Hammer auf seinen überheblichen Gegner. Nicht zum Kopf, sondern direkt auf die Körpermitte. Es war ein Geistesblitz, woher auch immer, der ihn auf diese waghalsige Idee brachte. Sie bewegten sich noch immer direkt zwischen den Wagen und Marius, wie auch sein Angreifer, standen gerade sehr nahe an einer der Außenwände – zu nahe. Es fiel dem Mann im Umhang leicht dem Wurf auszuweichen, doch blieb ihm dafür nur eine Richtung, wenn er sich nicht zu Boden fallen lassen wollte. Nach rechts von der Wagenwand weg.
Dort erwartete ihn Marius. Sofort nachdem der Hammer seine Hand verlassen hatte, sprang er genau in den erhofften Weg seines Gegners. Der Plan ging auf und die beiden so unterschiedlichen Kämpfer prallten hart zusammen.

Syrill hatte in dem Augenblick aufgehört zu schreien, als er die Klinge in Marius Schulter dringen sah. Das Schwert war nicht groß, doch das Blut, das es hervorbrachte reichlich. Voller Schrecken erkannte der Junge, selbst aus seiner versteckten Position heraus, den Ernst dieses Kampfes. Noch nie in seinem Leben, hatte er einer tödlichen Konfrontation beiwohnen müssen.
Er bemerkte die Schnelligkeit dieses Mannes und die Leichtigkeit seiner Bewegungen.
Plötzlich schienen die Kämpfer inne zu halten. Der finstere Mann bewegte die Lippen, doch konnte Syrill nicht verstehen, was er sagte. Er sah nur wie sich Marius Gesicht plötzlich, vor Entschlossenheit versteinerte und dieser dann seinen wütenden Angriff begann.

Scheinbar überrascht und durch den Aufprall der beiden Kämpfer, entglitt dem Wesen mit den roten Augen seine Waffe und es entstand ein heftiges Gerangel am Boden.
Marius versuchte sofort seinen Gegner zu packen und damit den Kampf am Boden zu bestimmen. Wie ein Aal auf dem Land wand sich sein Widersacher, doch bildete hier nun die Rüstung und der Mantel einen Nachteil. Zu viele Möglichkeiten für Marius immer wieder an einer anderen Stelle das Wesen packen und festhalten zu können. Schließlich hatte der große, halbnackte Mann seinen Gegner in einer scheinbar ausweglosen Lage festgesetzt.
Sie lagen beide auf der Seite und Marius hatte von hinten, seinen Arm und den Hals des Gegners geschlungen, beide Beine über den Schenkeln des Mannes verschränkt und zog zusätzlich noch, mit seiner freien Hand einen Arm des Wesens, hinter dem Rücken nach oben. So hörte die Gegenwehr endlich auf.

„Du wirst niemanden töten!“, stieß Marius schwer atmend hervor. Der Kampf hatte ihn erhitzt und verausgabt. Seine Schulter brannte höllisch und sein ganzer Körper schien zu glühen.
„Wir werden sehen.“, konnte er gepresst vernehmen. Dann hörte er eine andere Stimme neben sich.
„Marius lass ihn los! Schnell!“ Dareck stand auf einmal neben ihm und versuchte den großen Mann zum loslassen zu bewegen, doch Marius drückte mit seinem Arm die Kehle des Mannes weiter zu. Sein Arm brannte dabei. Die Schmerzen nahmen immer mehr zu, je mehr er presste, doch es war ihm egal. Er war in einer Art Rausch. Ausgelöst durch die Worte und den Kampf. Diesen Gegner hier wollte er tot sehen. Er fragte sich, ob die Augen dann wohl aufhören würden zu glühen.
„Marius, bitte. Er wird dich töten!“ Dareck zog und zerrte an seinem Freund.
‚Mich töten?’ Die Worte ergaben für Marius keinen Sinn. Er war es doch, der den anderen würgte und nicht umgekehrt.
Endlich erkannte er, dass etwas nicht stimmte. Die Hitze, die er spürte kam nicht nur durch den Kampf. Dort wo er direkt die Haut seines Gegners berührte, fühlte es sich an, als ob er ein brennendes Stück Kohle halten würde. Zuvor hatte seine Rage den Schmerz betäubt, doch jetzt konnte er seinen Griff nicht mehr halten. Marius ließ los und stieß das Wesen von sich.
Keinen Moment zu früh, wie sich herausstellte. Neben sich sah Marius und auch alle anderen, die in der Zwischenzeit aus den Wagen gekommen waren, seinen Gegner in einer gewaltigen roten Stichflamme auflodern. Es war, als ob man Öl in ein Feuer gegossen hätte.
Die brennende Gestalt erhob sich. Die Augen gen Himmel gerichtet, stand das Wesen einen Moment nur da. Die Flammen verzehrten die Haut, wie auch die Kleider. Doch kein Laut des Schmerzes war zu vernehmen.
Vollkommen unerwartet, stürzte sich plötzlich das brennende Monster erneut auf Marius. Der war nur etwas zurückgerutscht und saß noch immer am Boden. Bestürzt nahm Marius die Hände vor sein Gesicht, um seine Augen vor den heißen Flammen zu schützen, als das brennende Wesen sich über ihn beugte.
„Schau mich an!“ zischte das Monster und versuchte Marius die schützenden Hände wegzuziehen. Sengender Schmerz durchzuckte dort die Handgelenke des Mannes, wo er berührt wurde.
Alle Anwesenden schauten entsetzt dem furchtbaren Geschehen zu. Rufe wurden laut.
„Holt eine Decke!“
„Wasser!“
„Zieht ihn weg, schnell!“
Die ersten, der Schausteller stürzen gerade los, da war es schon vorbei. Wie dünnes Pergament zerfiel plötzlich der Körper binnen weniger Augenblicke unter den Flammen zu Asche. Langsam rieselten sie auf Marius herab. Es sollte nichts Greifbares vom Körper des Wesens übrig bleiben.

Weiter gehts am Wochenende.

Freitag, 7. Oktober 2011

1. Kapitel Teil 9 - Panik

Dareck stand bei einem der Pferde und legte diesem beruhigend seine Hand auf die Flanke.
„Psst. Ganz ruhig. Was hat euch nur so in Aufregung versetzt?“, flüsterte der Messerwerfer beruhigend dem Tier zu, als ob es ihm Antwort geben könne. Sorgsam blickte er sich immer wieder um, doch hier im Dunkel des Waldes konnte auch er so gut wie nichts erkennen.
‚Wo ist nur Chester?’, fragte er sich besorgt. Er beschloss, einmal die eingezäunten Tiere zu umrunden und dann die übrigen Schausteller zu verständigen. Langsam schritt er um den Platz der Pferde und ließ sich dabei von dem Netz leiten, das als provisorischer Zaun diente. Er hatte seinen Weg noch nicht einmal halb vollendet, als er über eine große Wurzel schritt und dabei auf etwas zugleich Weiches wie Hartes trat.
Sofort beugte er sich nieder und ertastete mehr, als dass er es sah, einen leblosen Körper. ‚Verdammt!’, schoss es ihm durch den Kopf, die Kleidung war von einer warmen dicken Flüssigkeit durchtränkt. Dareck hob seine Hand in das schwache Mondlicht, das nur an wenigen Stellen die dichten Wipfel durchdrang. Er konnte eindeutig die dunkle Farbe erkennen. Nun musste er Gewissheit haben. Er hoffte inständig, dass es sich vor ihm nicht um Chester handelte. Er mochte die beiden kleinwüchsigen Brüder; sie spielten oft Karten zusammen.
Er zog an dem Körper, um ihn zu einer etwas helleren Stellen zu bewegen und bemerkte dabei schon das geringe Gewicht. Als er endlich den Schatten des großen Baumes überwunden hatte, sah er seine Befürchtung endgültig bestätigt.
Vor ihm lag Chester, dessen Oberkörper voller Blut war. Dareck öffnete das vormals helle Hemd und konnte darunter eine tiefe Wunde in der Seite der Brust sehen, aus der noch immer Blut floss. Die Wunde schien, als wäre es nur ein einziger Stich mit einer schlanken Waffe gewesen. Dareck war verwirrt, da er keinerlei Lärm oder Alarmrufe vernommen hatte. Eine solche Verletzung tötete normalerweise nicht sofort und wurde nie zugebracht, ohne dass man vor Schmerz aufschrie. Mehr der Gewissheit wegen, denn mit Hoffnung, tastete er nun nach dem Herzschlag. Er konnte es kaum glauben, als er tatsächlich etwas spürte.
Nun handelte er schnell. Er zog eines seiner Messer, die er immer bei sich trug und trennte den Ärmel von Chesters Hemd. Diesen stopfte er nun rücksichtslos in die Wunde. Er wusste, dass er die Blutung stoppen musste, wenn Chester noch eine Chance haben sollte. Während er dies tat, besann er hektisch seine Möglichkeiten. Hier standen die Chancen schlecht für den kleinen Mann. Er war stark versucht, einfach um Hilfe zu rufen, doch wollte er den oder die Angreifer nicht auf sich aufmerksam machen. Auch musste er an den Jungen denken, den er am Rand des Waldes zurückgelassen hatte. Innerlich seine Anweisung an Syrill verdammend, musste er nun eine Entscheidung treffen.

Noch immer verharrte der Junge bewegungslos am Boden. Die Gestalt mit den leuchtenden Augen schien ihn nicht bemerkt zu haben, da sie sich wieder umgedreht hatte und weiter das Lager beobachtete. Keine zwanzig Schritt hinter ihr kauerte Syrill und wagte noch nicht einmal zu atmen. Seine Angst schnürte ihm die Kehle zu und er wusste nicht, was er tun sollte. Innerlich rang er mit sich selbst. Ein Teil voller Panik wollte aufspringen und einfach weglaufen, tiefer in den Wald hinein, nur weg von diesen bösartigen, leuchtenden Augen. Der vernünftige Teil – nicht minder voller Angst – riet ihm, es wieder einmal einfach auszusitzen und auf sein Glück zu vertrauen.
Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als die Gestalt plötzlich auf die Lichtung trat, von Syrill fort und auf die Wagen zu. Der Junge sog tief die Luft ein, doch wagte er noch immer nicht sich aufzurichten. Mehrere Momente verstrichen, bevor ein Knacken fast direkt neben ihm, ihn erneut zusammenfahren ließ.
Seine Panik erfuhr eine weitere Steigerung. Nun konnte er nicht mehr anders. Er verlor völlig die Kontrolle, sprang auf und rannte los. Er kam nicht weit, da jemand, kaum, dass er auf den Beinen war, seinen Arm fest packte und somit jegliche Flucht zunichte machte. Eine Hand tastete nach seinem Mund und versuchte ihn am schreien zu hindern, doch der Junge biss einfach, so fest er konnte zu. Die Panik ließ ihn nur noch reagieren. Er wusste nicht was er tat, konnte nicht wirklich denken. Er hörte nichts, sah nichts. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte fing Syrill an, um sich zu schlagen und zu treten.
Plötzlich, war er frei und fand auch endlich seine Stimme wieder. Laut „Hilfe!“ und „Aufwachen!“ brüllend, rannte er einfach auf die Lichtung. Er wusste nicht, ob er verfolgt wurde, es war ihm auch egal. Er schrie einfach weiter und lief direkt auf den Wagen seiner Familie zu.

Dareck fluchte. Der Junge musste ihm die Hand blutig gebissen haben. Fast ebenso erschrocken wie Syrill, war es reines Glück gewesen, dass er ihn zu fassen bekommen hatte, als der Junge neben ihm so plötzlich hochschoss. Leise hatte er auf den panischen Jungen eingeredet, doch schienen seine Worte Syrill nicht erreicht zu haben. Ein ungünstiger Tritt des Jungen traf schließlich Darecks Knie. Der Schmerz lockerte den Griff und dem Jungen gelang es, sich los zu reißen. Dareck sprang ihm hinter her.
Auch er hatte zuvor die Gestalt am Rande des Waldes erspähen können und beobachtet wie diese auf die Lichtung trat.
Der Versuch, den Schmerz in seinem Knie zu ignorieren war nicht sonderlich erfolgreich und Syrill war schnell. Dareck humpelte dem Jungen so zügig es ging hinterher, doch dieser lief einfach schreiend weiter.

Jäh wurde Syrills Flucht unterbrochen. Er bog gerade um die Ecke eines Wagens, als er direkt in die Arme eines hämisch grinsenden Mannes rannte. Seine Rufe blieben ihm im Hals stecken, als erneut seine Stimme versagte. Augen, so rot wie glühender Stahl, schienen Syrill direkt in die Seele zu blicken. Das Gesicht, das er nun deutlich vor sich hatte, war schmal und hager. Eine Nase, die den Eindruck eines Raubvogels erweckte, ließ den Mann noch bedrohlicher erscheinen. Syrill war gebannt und wie versteinert.
Irgendwie realisierte er, dass im Wagen neben ihm Licht anging. Irgendjemanden musste er mit seinen Schreien geweckt haben, doch war Syrill zu sehr in diesen roten Augen gefangen, um erneut auf sich aufmerksam zu machen. Fast schien es dem Jungen, als könne er etwas in diesen feurigen Pupillen erkennen. Etwas, das tobte und nicht zu bezwingen war.
„Du warst sehr laut, Junge. Willst du etwa dein Leben heute Nacht verlieren?“, zischte der Mann leise mit einer Stimme, die unmissverständlich klar machte, dass er meinte was er sagte. Syrill schüttelte zögerlich den Kopf, den Blick noch immer nicht von diesen Augen befreien könnend.
„Weißt du, was ich hier will? Wen ich suche?“ Wieder wollte Syrill den Kopf schütteln, doch konnte er es nicht. Fast unmerklich nickte er zur Bestätigung.
Aus dem Wagen kamen nun zusätzlich zum Licht auch noch Geräusche, doch schien dies den finsteren Besucher nicht zu stören.
„Was denkst du, warum ich hier bin? Vielleicht bin ich ja deinetwegen hier. Vielleicht bin ich gekommen um einen kleinen Jungen zu besuchen… und vielleicht sogar, um ihn mit mir zu nehmen.“ Bei diesen Worten verzogen sich die schmalen Lippen zu einem gemeinen Grinsen. Nicht einmal bei Xarabos hatte Syrill bisher einen solch wahrhaft bösen Ausdruck gesehen. Er spürte, wie ihm schwindlig wurde und er das Gefühl bekam, seine Umbebung würde verschwimmen. Nur das Gesicht mit den Augen blieb deutlich und scharf.
Scheinbar um noch mehr Angst bei dem Jungen zu schüren, setzte der Mann gerade zu einer weiteren Bemerkung an, als die Tür des Wagens neben ihnen aufging und eine tiefe Stimme fragte: „Was ist denn hier los?“

Wie es weitergeht erfahrt ihr am Mittwoch.

Dienstag, 4. Oktober 2011

1. Kapitel Teil 8 - Eine schlaflose Nacht

So saßen die Beiden nun also unter einem Baum, am Rand der Lichtung, betrachteten von dort aus das Treiben um das Feuer und wussten nicht so recht, wie sie die Geschehnisse des heutigen Tages deuten sollten. Auch Melton wusste keinen Rat auf die wenigen Gesprächsfetzen und Antworten, die sein Bruder erhalten hatte.
Irgendwann gingen die ersten Schausteller zu Bett. Das Feuer brannte nur noch niedrig und es hatte sich ein großer, rot glühender Kreis gebildet. Die Lichtung wurde davon jetzt nur noch spärlich beleuchtet. Noch immer saßen die beiden Jungen alleine an ihrem Platz. Jeder hing seinen Gedanken nach und auch Melton gähnte bald vor Müdigkeit. Kurze Zeit später betrat auch schon ihre Mutter den Platz vor der Feuerstelle. Suchend sah sie sich um, und rief dann: „Melton, Syrill! Schlafenszeit!“
Nachdem die zwei Brüder der Aufforderung nachgekommen waren, fragte Melton: „Wo ist denn das Kräutermütterchen nun untergebracht?“
Helmine berichtete ihren Kindern darauf, dass die allein stehende Köchin Milla sie erst mal für diese Nacht bei sich im Wagen schlafen lassen würde.
Seit vor etwa einem halben Jahr im Winter, Millas Mann nach einer schweren Krankheit sein Ende gefunden hatte, hatte sie noch etwas Platz übrig. Normalerweise wurden alle Wagen bis auf das letzte bisschen Platz belegt und die Schausteller bewohnten meist zu mehreren einen der großen und teuren Wagen. Neben der Unterkunft von Milla gab es derzeit nur einen weiteren Wagen, der ganz allein bewohnt wurde. Dem exzentrischen Zauberer Xarabos war dieser Luxus vergönnt. Er genoss offenscheinlich diese Sonderstellung und hielt dies für eine Respektsbekundung, die ihm in seinen Augen auch zustand. Doch in Wahrheit wollte niemand seinen Wagen teilen, da er von den Meisten als unausstehlich empfunden wurde. Nur wenige kamen leidlich gut mit ihm aus, doch seine Zauberkunststücke waren jedes Mal ein Höhepunkt ihrer Vorstellungen. Wenn er vor den Augen des überraschten Publikums Tauben und andere kleine Tiere aus scheinbar leeren Kisten hervorzog und diese später in gleißend hellen Blitzen verschwanden, waren immer begeisterte „Oohs“ und „Aahs“ zu vernehmen. Obwohl er eigentlich Kinder hasste, glühten deren Wangen stets am Meisten.
Es dauerte nicht mehr lange, da lagen auch Syrill und Melton unter ihren Decken im Wagen. Hastor und Helmine hatten keine Widerrede geduldet und alle Fragen auf ein anderes Mal vertröstet. Das Licht verlöschend, waren die Eltern anschließend selbst zu Bett gegangen.
Der Raum innerhalb des Wagens wurde versucht bestens auszunutzen. So schliefen die beiden Brüder direkt Kopf an Kopf auf dem Boden des Wagens, wo jeden Abend mit Decken und einer weichen Unterlage eine Schlafstätte hergerichtet wurde. Nur die Eltern hatten eine feste Koje am Ende des Wagens. Doch auch diese wurde tagsüber anderweitig genutzt. Man konnte einfach ein Brett herunter klappen, wodurch die Koje sehr schnell und einfach zu einem Arbeitstisch umfunktioniert wurde. Hier führte Hastor seine Bücher oder schneiderte Helmine neue Kostüme für die Vorstellungen.
In dieser Nacht lag Syrill noch sehr lange wach. Als er schon längst laute Schnarchgeräusche von seinen Eltern vernehmen konnte, wälzte er sich noch immer von einer Seite auf die andere und fand keinen Schlaf. Er versuchte seinen rastlosen Geist zu beruhigen, indem er sich immer wieder einredete, dass er ja bald alle Antworten erhalten würde, deren Fragen ihn so sehr beschäftigten, doch es nutzte nichts.
„Melton, bist du wach?“, fragte er schließlich flüsternd seinen Bruder. Doch von diesem kamen nur tiefe, entspannte Atemseufzer. Enttäuscht drehte sich Syrill auf den Rücken und starrte die dunkle Decke an. Er wusste nicht, wie lange er jetzt schon keinen Schlaf gefunden hatte, aber schließlich entschied er sich aufzustehen. Vielleicht würde ihn die kühle Nachtluft etwas ermüden und seine Gedanken sortieren. Er verstand nicht, warum nur er so aufgekratzt war, während sein Bruder scheinbar selig schlief.
So vorsichtig und leise, wie es der beengte Wagen zuließ, schälte er sich aus seiner Decke und krabbelte zur Wagentür. Zaghaft öffnete er den Riegel und drückte die Tür einen Spalt breit auf, so dass er sich gerade hindurch quetschen konnte.
Auf der anderen Seite empfing ihn fahles Mondlicht und kühle Frische. Nachdem er die Tür wieder leise angelehnt hatte, atmete Syrill erst einmal tief durch. Die Luft hier im Wald und so nah an dem breiten Bach war feucht und hatte ein ganz eigenes Aroma. Er roch Moos und andere Pflanzen. Syrill war zuvor noch nie aufgefallen, was für einen Duft solch ein Wald bei Nacht verströmte. Langsam ging er ein paar Schritte in Richtung des längst erloschenen Feuers. Noch immer glühten dort einzelne Stellen vor sich hin. Er setzte sich auf ein einzelnes großes Holzscheit, das am Vorabend nicht mehr den Weg in die Flammen gefunden hatte und genoss die ruhige Atmosphäre, die die Natur um ihn herum gerade schuf. Tatsächlich konnte er hier endlich etwas abschalten.
Syrill lauschte neugierig den unterschiedlichen Geräuschen, die der Wald für ihn bereit hielt und war erstaunt, wie lebendig auch um diese Zeit alles war, wenn man sich nur die Mühe gab und genau hinhörte. Er wusste nicht weshalb, aber auf einmal konnte er ein tiefes Gefühl der Erhabenheit spüren. Seine Finger begannen zu kribbeln und seine Nackenhaare schienen sich sogar leicht aufzustellen – so intensiv war das Empfinden.
Ein paar Momente genoss er dieses ungewohnte Gefühl, doch dann spürte Syrill eine leichte Veränderung. Er war sich sicher, nicht mehr allein auf der Lichtung zu sein. Irritiert und auch etwas beängstigt drehte er sich um. Tatsächlich, ein paar Meter hinter ihm konnte er eine dunkle Gestalt ausmachen.
„Dareck, bist du das?“, fragte der Junge etwas schüchtern. Erleichtert erkannte er, dass es tatsächlich der finstere Messerwerfer war, als dieser näher auf ihn zutrat.
„Was machst du so spät hier draußen, Syl? Ein Junge in deinem Alter gehört um diese Zeit ins Bett.“, begrüßte der hagere Mann den verloren wirkenden Jungen, als er sich neben ihn, auf ein weiteres Holzscheit setzte. „Was ist los? Kannst du nicht schlafen?“
Syrill nickte. Dann fragte er: „Und was treibt dich um diese Zeit noch hier draußen um?“
„Na was wohl? Irgendjemand muss ja auf unsere Pferde achten. Schließlich sollen die über Nacht keine Jungen bekommen.“
„Was machst du dann hier? Die Pferde sind doch in der Nähe des Baches eingezäunt.“, entgegnete Syrill schnippisch.
„Ganz einfach, ich bin noch nicht dran. Chester hat gerade noch Schicht und ich bin, wie immer schon etwas früher wach.“
Chester und sein Bruder Willy waren beide für die Belustigung des Publikums zuständig. Jeder maß für sich allein gerade mal drei Fuß und ihre Späße sorgten für etliche Lacher während den Vorstellungen.
„Bin gespannt, ob ich ihn mal wieder beim Schlafen erwische? Wäre nicht das erste Mal.“
Die Wachschichten wurden von manchen während den Überlandreisen etwas lax gehandhabt. Besonders, wenn das bereiste Gebiet als sicher galt. Weder Räuber, noch irgendwelche gefährlichen Raubtiere trieben hier angeblich ihr Unwesen. Das umliegende Gebiet galt als befriedet und für Reisende als ungefährlich. Nur die umherziehenden Steuereintreiber und Wegzollposten waren als das größte Übel zu fürchten, so sagte man. Doch das war der Preis für sichere Straßen und gefahrloses Reisen.
„Komm, wir schauen mal nach und machen uns einen Spaß, wenn wir ihn schnarchend finden.“ Dareck erhob sich. „Hast du schon mal einen schlafenden, abgebrochenen Riesen nach einem kurzen Flug, prustend in einem kalten Bach erwachen sehen? Das solltest du dir nicht entgehen lassen.“
Syrill musste nun tatsächlich grinsen, bei dieser Vorstellung.
"Also gut.", antwortete der Junge und stand ebenfalls auf. Vorsichtig folgte er Dareck in Richtung Bach, wo sich irgendwo Chester in der Nähe der Pferde befinden musste.
Wenn die Gruppe in einem Wald nächtigte, suchten sie sich normalerweise eine geeignete Stelle in unmittelbarer Nähe der Wagen und banden dort eine Art grobes Netz um eine größere Gruppe Bäume. Die Tiere konnten sich dann dort drinnen frei bewegen und es genügte eine Wache zum Lärm schlagen, falls doch etwas Unvorhergesehenes geschehen sollte.
Dareck bewegte sich geschickt, ohne auch nur den geringsten Laut zu verursachen und Syrill versuchte es ihm gleich zu tun. Er war froh, über das helle Mondlicht und die sternklare Nacht. Ein gewisses Gefühl der Spannung ergriff ihn und der Junge fragte sich, ob sie den kleinwüchsigen Chester wirklich schlafend antreffen würden.
Als sie sich dem Bach so weit genähert hatten, dass sie bereits sein sanftes Rauschen hören konnten, hielt Dareck plötzlich inne.
„Hörst du das?“ zischte er zu Syrill.
Syrill lauschte, doch konnte er außer dem Schnauben und vereinzeltem Gewieher der Pferde nichts vernehmen.
„Nein, was meinst du?“ Angestrengt versuchte der Junge noch etwas anderes aus dem stillen Wald zu hören. Doch Dareck stand wie versteinert mit erhobener linker Hand da, um dem Jungen Ruhe zu gebieten.
„Du bleibst hier und bewegst dich nicht vom Fleck! Ich bin mir nicht sicher und möchte niemanden vorschnell wecken.“ Sagte es und verschwand zwischen den Bäumen.
Syrill wollte noch nachhaken, worüber er sich nicht sicher war, doch da war der Messerwerfer schon längst im Dunkel des Waldes abgetaucht. Hier, zwischen den ersten Bäumen, wo die Sichel des Mondes ihr Licht nicht mehr so ungehindert verbreiten konnte, fühlte sich Syrill nun reichlich unwohl.
Noch immer versuchte der Junge zu ergründen, was Dareck so bedachtsam hatte werden lassen.
Er konnte noch immer nur die Pferde vernehmen... die um diese Zeit eigentlich nicht so unruhig sein sollten. Das war es! Auch Dareck war nur auf die Pferde aufmerksam geworden, doch schien die irgendetwas in Aufruhr versetzt zu haben. Weiterhin hatten die Pferde Syrill vom eigentlich zu stillen Wald abgelenkt. Es war zwar nicht dieselbe beunruhigende Atmosphäre wie noch zu Mittag des Tages, doch der Wald war auf einmal eindeutig zu ruhig.
Sich an den Stamm eines Baumes pressend, als ob dieser ihm Sicherheit geben könnte, verharrte der Junge und wartete besorgt ab. Er überlegte, ob er alle Anweisungen missachten und sofort die übrige Gruppe aufwecken sollte, doch noch während er über eine Entscheidung nachdachte, sah er bereits wieder Darecks Silhouette zwischen den Bäumen an ihm vorbei huschen. Der Messerwerfer schien sich noch immer umzusehen – aber wieso bewegte er sich nun auf die Wagen zu? Hatte er etwas entdeckt? Syrill hielt den Atem an. Dareck schien genau am Rand der Lichtung zu verharren und das Lager zu beobachten.
Auf allen Vieren robbte der Junge nun langsam und lautlos ebenfalls zum Rand des Waldes, als sich die Gestalt die dort stand, plötzlich umdrehte.
Syrill blieb fast das Herz stehen. Er konnte ganz schwach zwei rot leuchtende Punkte, an Stelle der Augen ausmachen. Auch konnte er nun gegen das fahle Licht der Waldlichtung erkennen, dass die Gestalt einen Mantel trug, mit einer Kapuze tief im Gesicht. Alles andere lag im Schatten.

Den nächsten Teil findet Ihr am Samstag wieder hier.