Mittwoch, 9. November 2011

2. Kapitel Teil 4 - Drachenodem

Alef zapfte erneut zwei Bier und stellte dazu je zwei kleine gläserne Gläser vor Kosch und Kelor, doch dieser lehnte sofort ab.
„Nein, nein, Alef. Bleib mir fort mit deinem Fusel. Ich hab dein Gesöff schon mal ertragen.“ Mit Schaudern dachte der junge Mann an seinen ersten Abend im Dienst der Stadtwache. Während einer Art Initiationsritus war auch der Drachenodem auf den Tisch gekommen und dieser war weder ihm, noch einem seiner anderen Jungkameraden sonderlich gut bekommen.
„Schenk ein Wirt, dann bleibt mehr für mich.“ Der Zwerg zog sich auch die beiden Getränke von Kelor vor die Nase, die gerade so über den Tresen reichte.
Doch dieser war gespannt, ob der Zwerg auch nur sein eigenes zweites Glas leeren würde.
In der Zwischenzeit hatten auch andere Gäste, das sich anbahnende Schauspiel bemerkt und eine kleine Traube, um den ungewöhnlichen Besucher gebildet.
„Gebt Acht, Herr Zwerg. Was von meinem Drachenodem eingeschenkt wird, muss auch getrunken werden. Stehend. Ich gebe Euch alle vier Runden aus, doch fließt auch nur ein Tropfen davon, nicht eure Kehle hinab, zahlt ihr mir die doppelte Menge des normalen Preises. Das Gleiche gilt, wenn ihr Euch nach dem Letzten, nicht mehr auf den Beinen befinden solltet.“
Kelor beobachtete Kosch. Er sah, dass auch der Zwerg offenbar, die Sache nun doch etwas genauer bedachte. Mit wachsamem Blick hatte dieser die Menge um sich herum erfasst und auch bemerkt, dass an Alefs Getränk wohl doch etwas mehr sein könnte, als er zu Anfang angenommen hatte.
„Herr Wirt, das klingt annehmbar. Doch der Terz, den ihr um euer Wässerchen macht, macht mich wiederum etwas stutzig. Ich schlage also vor, dass mir die ganze Flasche samt Inhalt zusteht, sollte ich eure vier Gläser leeren.“
Nun war Kelor gespannt. Die Flasche war groß und noch halb voll und normalerweise verlangte Alef pro Glas ein kleines Vermögen. Ob der Inhalt das wirklich wert war, wusste er natürlich nicht. Auch nicht, wie leicht es Alef fiele eine neue Flasche zu besorgen.
Der Wirt mochte dies ebenfalls bedenken, doch schlussendlich sagte er „Abgemacht!“ und hielt dem Zwerg die Hand hin, in welche dieser einschlug.
Theatralisch baute Alef nun, die vier kleinen Gläser vor Kosch auf. Danach nahm er seine Flasche mit dem Drachenoden und schwenkte sie leicht hin und her, bis sich ein Wirbel in der Flüssigkeit bildete. Mit großen Augen und begleitet von den 'Ohs' und 'Ahs' mancher Gäste, sah Kosch dabei, eine Art rotes Leuchten, das von dem Wirbel ausging. Alef entfernte den Glasstöpsel und eine kleine Rauchsäule stieg aus der Flasche. Kosch bemerkte, dass es im Lokal ungewöhnlich ruhig geworden war. Scheinbar hatten sie die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
Alef schenkte nun etwas in die Gläser. Er ging dabei äußerst umsichtig zu Werke und lies sich viel Zeit. Zu viel Zeit für Koschs Geschmack, wie er mit ruppiger und lauter Stimme verlauten lies: „Jetzt mach schon hinne, Wirt. Meine Kehle ist schon wieder trocken.“
Endlich war Alef fertig. „Dann bedient Euch, wenn ihr so durstig seid.“
Kosch griff beherzt zu. Das Glas fühlte sich ungewöhnlich warm an und ein schwefliger Duft stieg dem Zwerg in die Nase, wie er ihn nur aus Höhlen kannte, die noch vom glühenden Blut der Erde durchströmt waren. In einem Zug kippte er das erste Glas hinab.
Gebannt starrten ihn die Umstehenden an, als ob er sich gleich vor ihren Augen in einen Riesen oder gar Drachen verwandeln würde.
Zuerst geschah nichts, doch dann bemerkte Kosch ein leichtes Ziehen und Drücken in seiner Magengegend. ...Und im nächsten Moment schien sein Mund, die Speiseröhre und sein restliches Inneres, das mit dem Drachenodem in Berührung gekommen war, zu explodieren. Er verspürte ein unglaubliches Brennen, wie er es nur von einem Kraut her kannte, mit dem die Zwerge in kleinen Dosen ihr Essen würzten. Allerdings war das hier, um ein Vielfaches schärfer.
Jetzt verstand er, warum der Wirt das Zeug Drachenodem nannte.
„Nun, Herr Zwerg? Wie mundet Euch mein Wässerchen? Ist das nicht ganz nach Eurem Geschmack?“, fragte Alef mit süffisantem Grinsen.
Kosch hörte vereinzeltes Kichern um sich herum und Getuschel, als Gäste, die den Drachenodem selbst schon einmal versucht hatten, ihren Nachbarn erklärten, was daran so besonders war. Antworten konnte er nicht.
Alef schien den Ausdruck in dem Gesicht des Zwergs zu genießen. Erneut stichelte er. „Warum so still? Dieser eine Schluck kann doch nicht schon Euren ganzen Durst gelöscht haben? Hier!“, und schob damit das zweite Glas vor die Nase des Zwerges.
Kosch nahm das Glas. Noch nie hatte er vor einem Getränk kapituliert. Noch dazu verspürte er deutlich, dass das Zeug auch einiges an Alkohol in sich hatte. Mit der Hoffnung, dass der seinen Magen später, das Brennen vergessen machen würde, wenn er nur genug davon trank, kippte er auch dieses.
Der Zwerg keuchte. Tränen in den Augen ließen ihn den Wirt nur noch schemenhaft erkennen, doch er war sich dessen Feixen sicher.
„Oho, ein mutiger Bursche, unser kleiner Freund hier. Ich werde doch nicht noch meine ganze Flasche an ihn verlieren?“ Alef unterhielt mehr das Publikum, als dass er wirklich mit Kosch sprach – was diesem nur recht war. Seine Därme rebellierten und ihm schwante bereits vor dem nächsten Schluck. Er nahm sich das Glas.
Feuer! So fühlte es sich an. Er war sich sicher, dass seine Zunge bereits eine einzige Brandblase war und auch sein Hals, dem Atmen nach, so langsam zuschwoll. Kosch musste sich am Tresen festhalten um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Aber seine Eingeweide schienen sich so langsam, mit dem Zustand abgefunden zu haben. Entweder das, oder sie waren weg gebrannt. Zumindest spürte er sie nicht mehr.
Ein letztes, kleines Glas stand vor ihm, und Kosch, Erster der Felsenschmetter vom Clan der Felsenschmetter, dachte ernsthaft darüber nach, es abzulehnen. Auch war er sich nicht sicher, ob sein Kreislauf ein weiteres Glas, dieses dämonischen Gesöffs, vertragen würde.
„Lasst es stehen. Ihr zahlt mir auch nur den einfachen Satz. Bestimmt werden noch andere Gäste neugierig geworden sein und mir euren mutigen Versuch mehr als vergelten.“
Doch mit diesem, nur halblaut geraunten Ausspruch, hatte Alef genau das Gegenteil von dem erreicht, was er gerne hätte.
„Jeder Tropfen meine Kehle hinab?“ Kosch nahm das letzte Glas, hielt es triumphierend in die Höhe und kippte es in einer flinken Bewegung... in seinen frischen Bierkrug, der noch immer vor ihm stand. Es zischte und blubberte kurz, als wenn man glühenden Stahl in ein Wasserbad tauchte, worauf sich das Bier leicht bläulich verfärbte.
Alef protestierte: „He, so war das aber nicht gemeint. Ihr könnt doch nicht...“
„Jeder Tropfen!“, und Kosch sog den Krug erneut auf einen Zug leer.
Sein Mund brannte zwar auch jetzt, doch mehr durch die Flüssigkeit des Biers, als durch den verdünnten Drachenoden. Dazu hatte das Ale einen angenehmen Beigeschmack erhalten, wie Kosch fand.
„Hmm, gar nicht so schlecht diese Bierwürzsoße, das gibt dem Ale die richtige Note. Noch einen Humpen und vergiss meine Flasche nicht.“
Die Gäste johlten. Lauter Applaus quittierte Koschs kleinen Trick und lies Alef gar keine andere Wahl, als beides mit zerknirschtem Gesicht vor den Zwerg zu stellen.
Kosch drehte sich darauf zu Kelor. „So, mein junger Freund. Und jetzt wird einer gehoben.“

Den nächsten Teil könnt ihr am Wochenende hier lesen.

Sonntag, 6. November 2011

2. Kapitel Teil 3 - Zu Gast bei Alef

Die Turmgasse hatte ihren Namen vom höchsten Gebäude in der Stadt. Es war ein einfacher schlanker Turm, der hoch in den Himmel ragte. Tag und Nacht mit Wachen besetzt, hatte man von dort eine gute Übersicht über die Stadt und weit darüber hinaus, wenn es das Wetter zuließ. Direkt darunter lag ein weiteres Gebäude der Stadtwache mit einer kleinen Einheit Männer, die in einem Notfall sofort alarmiert werden konnte, ohne die ganze Stadt in Aufruhr zu versetzen. Sollte dies doch einmal nötig sein, befand sich in der Spitze des Turms eine gewaltige Glocke, die mit ihrem tiefen durchdringenden Klang weithin vernommen werden konnte. Doch selbst die ältesten Einwohner Weißenburgs konnten sich nicht erinnern, diese jemals gehört zu haben.
So kam es, dass viele regelmäßige Besucher von Alefs Wirtshaus, der Stadtwache angehörten.
Der Schankraum war gut gefüllt, wie so ziemlich alle Lokale in denen man etwas essen und trinken konnte. Der Duft von Alefs berühmtem Kartoffeleintopf lag in der Luft und Kelor sog ihn tief ein. Sofort kam ihm wieder der stinkende Zwerg in den Sinn, wegen dem er nun eigentlich hier war, doch er konnte diesen nirgendwo entdecken. Der junge Mann schlängelte sich an den Schankmädchen vorbei, die mit schwer beladenen Tabletts ihre Gäste versorgten. An einem der größeren Tische saßen fünf Kameraden von ihm, die sein Ziel waren.
„Kelor, das wird aber auch Zeit. Wir wollten schon ohne dich anfangen.“ Ein etwas stämmigerer Mann mit einem runden Gesicht griff nach einem Kartenspiel, das neben ihm auf dem Tisch lag. „Setz dich. Essen kannst du später. Jungs, macht mal Platz.“
Kelor wusste, warum sie so auf seine Anwesenheit erpicht waren. Die letzten drei Abende, an denen er am Kartenspiel teilgenommen hatte, waren nicht sehr erfolgreich für ihn verlaufen und er hatte nur deshalb einem weiteren Spiel zugestimmt, weil er hoffte, so etwas von seinem Verlust wieder wett zu machen. Im Endeffekt war es aber vielleicht besser so, dachte er sich, als er statt auf dem angebotenen Stuhl Platz zu nehmen, stehen blieb.
„Heute nicht. Chrasinius hat mich mit einer wichtigen Sonderaufgabe betraut.“
„Was?“ Erst überrascht, verzog sich dann das runde Gesicht mit einem lauten Lachen, in das die Übrigen am Tisch einfielen. „Von was für einer Sonderaufgabe faselst du? Sollst du Chrasinius etwas Eintopf bringen?“ Erneut gab es schallendes Gelächter. „Mach dich nicht lächerlich und setz dich endlich.“
Als sich Kelor jedoch noch immer weigerte, bemerkte das dicke Gesicht, dass er es ernst meinte.
Nachdem er von den Ereignissen am Stadttor und bei seinem Hauptmann berichtet hatte, brachte ihn dies jedoch auch nicht weiter. Leider konnte sich niemand an solch einen Zwerg erinnern, was Kelor zu der Meinung brachte, dass er auch nicht hier gewesen sein konnte.
„Vielleicht haben wir ihn nur übersehen. Zwerge sind ja nicht sonderlich groß.“
„Nein, glaubt mir, der wäre euch aufgefallen.“
Und mit diesen Worten verabschiedete er sich erst einmal um den dicken Wirt aufzusuchen, der hinter der Theke stand.
„Grüß dich, Alef.“
„Ah, Kelor, magst du was essen? Ist nicht mehr viel da für Heut'. Die fressen mir hier noch die Haare vom Kopf. Werd’ für morgen wohl die doppelte Menge vorbereiten müssen.“
Der Wirt sprach, ohne Kelor dabei anzusehen, nachdem er ihn begrüßt hatte. Stadtdessen war er damit beschäftigt Bier in große Holzkrüge zu zapfen.
„Ja gern. Aber ich brauch auch noch ein paar Auskünfte.“ Kelor wollte gerade nach dem verrückten Zwerg fragen, als jemand neben ihn trat und ihn recht unsanft zur Seite drückte.
„Mach mal Platz Jungchen, hier hat jemand Durst. He, Wirt…“
Kelor drehte sich überrascht der kurzen Gestalt neben ihm zu. Den Kopf gerade hoch genug, dass er über die Theke schauen konnte, überragte dessen Horn auf dem Helm sogar den großen Alef. Und da war auch wieder der säuerliche Geruch, der dem Zwerg anhaftete; nur der Kadaver auf dem Rücken schien glücklicherweise in den Straßen abgefallen zu sein.
Als Kelor ihn so überrascht musterte, erkannte auch der Zottelbart den jungen Gardisten wieder.
„Aber du bist doch der Kerl, der mir den falschen Weg genannt hat. Von wegen Truhengasse, die gibt es hier gar nicht, in dieser vermaledeiten Stadt. Kannst von Glück reden, dass ich nicht nachtragend bin.“ Ein listiges Funkeln zeigte sich kurz in den schmalen Augen des Zwergs. „Das heißt, wenn du mir das nächste Bier ausgibst.“
Kelor war zu perplex, um etwas zu erwidern und schaute den Zwerg noch immer nur mit großen Augen an.
„Bestens. Wirt, du hast’s gehört. Zwei Mal Bier und Schnaps für mich und meinen Spender. Aber lass dir nicht einfallen uns so dünnes Zeug vor zu setzen.“
Alef überhörte die Beleidigung und begann zwei Humpen Bier zu zapfen. Kelor war in der Zwischenzeit zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das Beste wäre, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, da er so wohl am einfachsten etwas über den Zwerg in Erfahrung bringen konnte. Besonders interessierte seinen Hauptmann, ob von dem Zwerg eine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehen könnte und in welchen Disziplinen er starten wollte, denn daran, dass er wegen der Teilnahme an einem der Wettkämpfe hier war, schien für Chrasinius keinerlei Zweifel zu bestehen.
Nachdem der Wirt auch noch zwei kleine Zinnbecher mit Schnaps neben die hohen Bierkrüge gestellt hatte, reichte der Zwerg jeweils eins der Getränke an Kelor.
„Ich bin übrigens Kosch, Erster der Felsenschmetter. Es reicht aber, wenn du Kosch zu mir sagst. Also, in einem Zug!“ Mit diesen Worten kippte Kosch erst das Bier herunter und lies sogleich den Schnaps folgen. Der Schaum hing ihm unter der Nase und das wenige übergeschwappte Bier rann ihm durch den Bart.
„Ah, das war ein guter Anfang. Wirt, dein Ale ist gut, aber der Schnaps zu lasch. Was haste noch?“
Kelor hatte mit großen Augen zugeschaut. Noch nie hatte er jemanden so schnell einen Humpen leeren sehen. Er besah sich seinen eigenen Krug, doch der war noch immer zur Hälfte voll.
„He Jungchen, du musst dich schon ranhalten, wenn wir gleichauf bleiben wollen.“
Doch das wollte Kelor nun gar nicht. Er erkannte sofort, dass dieser 'Erster der Felsenschmetter' in einer anderen Gewichtsklasse trank.
Der Zwerg hatte in der Zwischenzeit bereits die zweite Lage geleert und den nächsten Schnaps versucht, doch er beschwerte sich schon wieder über ‚das milde Wässerchen’, wie er es nannte.
Alef lachte. „Oho, da möchte wohl jemand meinen Drachenodem versuchen. Der geht dann vielleicht sogar aufs Haus.“ Mit diesen Worten verschwand der Wirt im Hinterzimmer.
„Na, das klingt doch gar nicht so übel. Weißte Jungchen, ich mag Drachen. Die hamm immer die dollsten Höhlen und schönsten Sachen dort. Man darf sie nur nicht wecken, wenn du verstehst was ich meine?“ Kosch zwinkerte Kelor dabei zu.
„Wie heißtn eigentlich? Bist nicht gerade der Gesprächigste, hm?“
Kelor wollte gerade antworten, als der Zwerg ihm erneut zuvor kam. „Ah, da kommt der Wirt mit seinem Drachenzeug. Wollen doch mal testen, was das so kann.“
Tatsächlich war Alef mit einer großen Glasflasche zurückgekehrt. Eine unscheinbare, klare Flüssigkeit befand sich darin.

Der nächste Teil folgt am Mittwoch.

Mittwoch, 2. November 2011

2. Kapitel Teil 2 - In der Stadt

„Es ist unerhört!“, polterte Kelors Vorgesetzter. In seiner Amtsstube war er nicht allein. Mit einem Becher Wein in der Hand saß Meister Berelon bei ihm und hatte ihn soeben von der letzten Eintragung unterrichtet.
„Wieso weiß ich nichts von dieser Katze, Kelor? Hatte ich nicht angeordnet, mich umgehend über alle ungewöhnlichen Besuchern zu unterrichten?“
Nervös trat der junge Mann von einem Bein aufs andere.
„Mein Herr, ich kann mich nur wiederholen. Ich teilte euch alle mit, die mir dessen nötig erschienen. Diese Katze kam nicht durch mein Tor. Vielleicht geschah dies vor meiner Schicht, oder bei einem der anderen Tore.“
Kelor hatte den Eindruck, dass er mehr als ungelegen gekommen war. Kaum, dass er den Raum, nach einem unwirschen ‚Herein’ betreten hatte, wurde ihm dies sehr deutlich gemacht. Sein Hauptmann fiel sofort über ihn her, als ob Kelor allein für alle Tore verantwortlich wäre.
Die Schimpftirade dauerte noch eine Weile an, bis er endlich entlassen wurde. Schon fast bei der Tür, fiel ihm wieder ein, weshalb er eigentlich gekommen war. Kelor drehte sich um und bat ums Wort.
„Was ist denn noch?“, fragte sein Vorgesetzter gereizt.
„Es kam jemand an, über den ich euch unterrichten soll. Ich möge euch Grüße von einem Meister Hastor überbringen. Er lässt fragen, ob noch Platz auf dem Markt für seine Wagen sei. Ihr würdet ihn und seine Truppe kennen. Zurzeit haben sie noch vor der Stadt Quartier bezogen und befinden sich bei den übrigen Zelt- und Wagenbesuchern.“
Sofort gnädiger gestimmt, gab Hauptmann Chrasinius seinem Untergebenen Anweisung Hastor herbei zu rufen. Er schien über dessen Ankunft wirklich erfreut. Als Kelor jedoch noch immer keine Anstalten machte, das Zimmer zu verlassen, zog der Hauptmann fragend eine Augenbraue nach oben.
„Ähm, das ist noch nicht alles. Wir hatten noch einen Ankömmling.“

Mit hochrotem Kopf und von Verwünschungen begleitet eile Kelor schnellstens durch die Tür. Das war es dann wohl mit dem Badehaus. Dieser Hastor blieb nicht sein einziger Zusatzauftrag für diesen Abend. Zumindest kam er so vielleicht doch noch zu Alef Eintopf.

* * *

Melton quengelte. „Aber warum denn nicht? Wir gehen ja auch nicht allein.“, versuchte er seine Mutter von einem Besuch in der Stadt zu überzeugen. „Marius und Dareck wären doch bei uns. Bitte.“
Seine Mutter blieb hart. „Nein, morgen ist noch genug Zeit. Allein am Abend ist das nichts für Kinder und ich kann mir kaum vorstellen, dass die beiden wirklich Lust haben, gleich am ersten Abend euch am Bein zu haben. Wissen Dareck und Marius überhaupt, zu was du mich hier zu überreden versuchst?“
Melton schmollte, er war sich sicher, dass die beiden Freunde nichts dagegen haben würden, wenn er und Syrill sie begleiteten. Bei was könnten sie schon stören?
Er wollte gerade von neuem ansetzen, als es klopfte und eine unbekannte Stimme nach Hastor rief.
Helmine öffnete und erblickte einen jungen Mann, der die Uniform der Stadtwache trug.
„Ja? Was wollt ihr?“ Ihre Stimme verriet keinerlei Respekt vor der Uniform, was noch von ihrer erhöhten Position aus dem Wagen unterstrichen wurde. Der junge Kelor, der das zu seinem Leidwesen durchaus gewohnt war, antwortete ihr freundlich: „Mein Hauptmann Chrasinius schickt nach Meister Hastor. Er würde ihn gerne sehen und lässt Grüße durch mich bestellen. – Das ist doch sein Wagen?“
Nun etwas milder gestimmt, trat Helmine aus dem Wagen.
„Ja, ihr seid schon richtig. Hastor ist mein Mann und er wird der Bitte eures Hauptmanns sicherlich gerne nachkommen.“
Kelor, der damit seinen ersten Auftrag als erledigt ansah, drehte sich um und wollte bereits gehen, als Helmine ihn zurückrief.
„Nicht so schnell. Wo befindet sich euer Hauptmann denn zurzeit? Wie ihr sicher wisst, ist eure Stadt nicht gerade klein und wir sind nicht oft hier.“
Erkennend, dass es damit doch noch nicht erledigt war, seufzte Kelor innerlich und wandte sich erneut um. „Ich bringe euren Gatten natürlich gern zu ihm.“
„Das wird nicht nötig sein.“ Hastor, der gerade von Willy zurückgekommen war, hatte den letzten Teil des Gesprächs schmunzelnd mit angehört. „Mir ist der Weg, sofern sich nicht allzu viel geändert hat und sich euer Hauptmann derzeit in seiner Amtsstube befindet, wohl bekannt.“ Dann rief Hastor lauter in Richtung Wagentür: „Syrill, Melton? Habt ihr Lust auf einen Besuch in der Stadt?“

Die Straßen von Weißenburg waren geschmückt mit bunten Girlanden und erleuchtet von Lampions und Lichterketten in denen Glühkäfer ihr buntes Licht verbreiteten. Rote, grüne und gelbe hell leuchtende Punkte schwirrten darin herum. Auch waren die Wege zum Abend mit allerlei Volk gefüllt. Man sah normale Bürger der unterschiedlichen Wohlstandsschichten, aber auch allerlei Exoten und Angehörige verschiedenster Rassen, die eindeutig einen längeren Weg hinter sich haben mussten. Weißenburg, wie auch die umliegende Gegend, war fast ausschließlich von Menschen besiedelt. Daher zogen fremdartige Besucher unter den einheimischen Bürgern sofort die Aufmerksamkeit auf sich.
Die meisten kannten zwar Geschichten von den riesenhaften Flusslandbewohnern oder den Steinhäutigen aus dem Osten, aber sie konnten kaum ihren Augen trauen, wenn dann leibhaftig ein solch für sie fabulöses Geschöpf vor ihnen stand.
„Schau mal Syl… dort. Hast du den blöden Blick gesehen? Und das nur wegen einem Unterirdischen. Ich frag mich, was der hier bei so einem Fest macht. Normalerweise sieht man die im Sommer doch nie außerhalb ihrer Höhlen.“
Melton plapperte mal wieder in einem fort. Alles was ihm auf ihrem Weg durch die Stadt auffiel, musste er auch sogleich kommentieren.
Die Brüder hatten ihr Glück kaum fassen können, als sie die Aufforderung ihres Vaters vernahmen, ihn zu begleiten. Fast hätte ihre Mutter dem Ganzen noch einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch Hastor setzte sich schlussendlich durch.
Sie hatten sich durch überfüllte Straßen gekämpft und an geschäftstüchtigen Händlern vorbeigeschlängelt. Einer hatte Melton schon fast in seinen Süßwarenladen gezogen, doch Syrill trat dem aufdringlichen Verkäufer kurzerhand vors Schienbein, dass der vor Schmerz aufheulte. Hastor musste herzlich lachen, als er das verblüffte Gesicht des Mannes sah.
Als sie ein paar Häuser weiter waren und Hastor sich wieder beruhigt hatte, meinte er nur: „So ähnlich muss auch Dareck vor ein paar Nächten ausgesehen haben. Was hast du nur gegen Schienbeine?“
Syrill zuckte mit den Schultern: „Nichts, ich hab nur diesmal nicht getroffen. Bei Dareck war es das Knie.“

Endlich waren sie am Marktplatz angekommen. Zentral in der Mitte der Stadt, fand man hier auch die Ratshalle und die Verwaltungsgebäude. In einem von diesen hatte Hauptmann Chrasinius sein Amtszimmer. Er war seit über zehn Jahren der oberste Befehlshaber der Stadtwache und für die öffentliche Sicherheit der Stadt verantwortlich.
Der Marktplatz selbst war bereits übervoll mit Ständen und kleinen Wagen. Hastor erkannte schnell, dass es wohl eher schlecht für seine Truppe stand. Sie waren scheinbar, ein paar Tage zu spät eingetroffen. Die Ratsherren hatten ganze Arbeit geleistet, ihr Fest bekannt zu machen.
Überall sah man Schaulustige und Aussteller, die um deren Gunst und Gold buhlten. Man hätte meinen können, das Fest hätte bereits begonnen, obwohl die offizielle Eröffnung erst in zwei Tagen sein sollte. Musik klang aus allen möglichen Ecken, Feuerspucker erhellten den Platz und die Marktschreier verschafften sich so gut es ging ihre Aufmerksamkeit. Syrill und Melton waren schon auf vielen Festen und Jahrmärkten, aber eine so überfüllte Stadt war selbst ihnen neu.
„Wir gehen außen herum. Nicht mitten durch. Stände können wir immer noch später anschauen. Achtet aber trotzdem auf eure Beutel, ja?“
Syrill und Melton nickten. Syrill hatte schon die ganze Zeit eine Hand an seinem Beutel, den er um den Hals unter seinem Hemd trug. Es war nicht viel darin, aber das würde einen Dieb nicht interessieren, wenn er ihm eine gute Gelegenheit gab. Melton tat es ihm nun gleich, da er zuvor noch viel zu sehr abgelenkt war, um an seinen Beutel zu denken. Dann machten sie sich auf den Weg zum gegenüberliegenden Verwaltungsgebäude.

Weiter gehts am Wochenende.